Strukturen der Gewalt

Kuratiert von Marcel Schwierin.

In Umfragen gehört Kriminalität regelmäßig zu den größten Angstverursachern, selbst wenn die Statistiken einen generellen Rückgang besonders der Gewaltkriminalität in Deutschland anzeigen.1 Weit weniger gefürchtet wird die gesellschaftlich organisierte und legitimierte Gewalt, wahrscheinlich weil die meisten Menschen der Ansicht sind, sie könnten ihr durch entsprechendes Wohlverhalten beziehungsweise Anpassung ausweichen. In der Tat ist diese Form von Gewalt berechenbarer. Andererseits gibt es gegen gesellschaftlich legitimierte Aggression keinen Schutz, wer ihr ausgeliefert ist, hat kaum noch eine Chance. Dieser Aspekt bekommt besondere Brisanz, wenn man den erweiterten Begriff der sogenannten strukturellen Gewalt zugrunde legt, der auch nicht-physische Formen der Unterdrückung einbezieht wie zum Beispiel Diskriminierung oder gesellschaftlich verursachte Armut. Nach dieser Definition sind wahrscheinlich die meisten Menschen auf diesem Planeten Opfer struktureller Gewalt.2 Eben da ein Widerstand gegen sie kaum möglich ist, bedarf es einer intensiven Auseinandersetzung darüber, welche ihrer Formen gesellschaftlich legitimiert sind. In den drei Filmen dieses Programms geht es vor allem um die Frage der mentalen Einstellung zu Gewalt, es geht um Grausamkeit, Gewissen und Gehorsam.

Roy Andersson kommt aus Schweden, einem Land, das als eines der fortschrittlichsten der Welt gilt. Doch offensichtlich traut er der sozialen Fassade nicht. Härlig är jorden – wörtlich: „Schön ist die Welt“ – ist der Titel einer bekannten schwedischen Hymne. Der Film zeichnet dagegen in einer Serie von statischen Tableaux vivants das Bild einer grausigen Gesellschaft in fahlgrauen Farben. Die Eröffnungs-Sequenz – wer sie gesehen hat, dürfte sie kaum je wieder vergessen – zeigt die Ermordung nackter Menschen durch LKW-Abgase, eine Tötungsmethode, die die Nationalsozialisten versuchsweise für den Holocaust anwendeten. Doch die Inszenierung wirkt nicht historisch, sie spielt in Schweden, und die Mörder (bzw. Zuschauer) tragen Zivilkleidung. Gegen Ende der Szene dreht sich der Hauptdarsteller zum Kinopublikum um und macht es so zum stummen Komplizen des Verbrechens. Der Film Härlig är jorden war eine der zentralen Ausgangspunkte für das Festivalthema Angst hat große Augen.

Der Dokumentarfilm Z punktu widzenia nocnego portiera (Vom Standpunkt eines Nachtwächters) porträtiert die moralisch rigiden Ansichten eines Kleinbürgers, dessen Vorstellungen von Ordnung und Disziplin sich zu einem fürchterlichen Mikrokosmos von Strafvorstellungen ausweiten. Seine Weltsicht teilt er unbekümmert und ohne jegliche Selbstreflexion der Kamera mit. Krzysztof Kieslowski sah in seinem Protagonisten weniger einen bösartigen Menschen, als vielmehr Mitläufer einer im Polen der 1970er Jahre vorherrschenden Ideologie. Um seinen Protagonisten – der auch wegen des Films seine Ansichten später revidierte – zu schützen, unterband Kieslowski ab 1979 sogar die Aufführung des Films. Erst nach Kieslowskis Tod wurde er wieder veröffentlicht.

Der US-amerikanische Psychologe Stanley Milgram entwickelte Anfang der 1960er Jahre ein Experiment, welches vor allem klären sollte, wie aus ganz „normalen“ Deutschen im Nationalsozialismus willfährige Massenmörder wurden. Tatsächlich war die Anzahl der Menschen, die aus nichtigem Anlass bereit waren – scheinbar – zu foltern, so hoch, dass die Experimente teilweise ausgesetzt wurden, um die Testteilnehmer vor den für sie im Nachhinein schockierenden Resultaten zu schützen. Die Milgram-Experimente wurden weltberühmt und haben das Selbstbild des Menschen nachhaltig erschüttert. In dem Film Abraham – ein Versuch wurde die Versuchsreihe 1970 in Deutschland wiederholt. Die wissenschaftlichen Ergebnisse waren im Wesentlichen deckungsgleich mit den früheren Milgrams, aber sie wurden live gefilmt. Das Ergebnis ist ein bedrückendes, teilweise sogar schwer erträgliches Dokument und gewährt einen einmaligen Einblick in die „Banalität des Bösen“.3 Die düstere Stimmung wird durch das für den Dokumentarfilm der 1970er Jahre typische Schwarzweiß und die enge, teilweise klaustrophobische Kameraführung verstärkt. Der Titel des Films bezieht sich auf die unmenschliche Prüfung in der Bibel, in der Gott Abraham befiehlt, seinen Sohn zu opfern.

Marcel Schwierin

---
1 Vgl. hierzu auch die Artikel von Katrin Harm und Fritz Sack im Projektmagazin Angst.
2 Vgl. hierzu auch die Programme Kino der Geheimdienste, Fremde in der Welt, Der Krieg, der bleibt und Ökonomien der Angst.
3 Hannah Arendt über Adolf Eichmann.