Kino der Geheimdienste

Kuratiert von Karin Fritzsche. Filme aus dem Archiv vom Ostdeutschen und Ungarischen Geheimdienstes.

Schon 1965 richtete das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) einen Lehrstuhl für Psychologie an der hauseigenen Hochschule in Potsdam-Golm ein. Dort wurde gelehrt, wie Angst nutzbar ist, um Menschen willfährig zu machen und als Kontrahenten auszuschalten. Angst ist ein altbekanntes Werkzeug der Manipulation, und nicht nur die Stasi hat sich ihrer vielfach bedient.
„Wir müssen alles wissen!“, war Mielkes Devise, und so waren an die 90.000 offizielle  und rund 200.000 inoffizielle Mitarbeiter beauftragt, Informationen zu sammeln, sei es als Schrift, Ton oder Film. Schließlich konnte das MfS sein Riesennetz von Detailinformationen nicht mehr überblicken und in brauchbarer Form auswerten. Wie auch. Selbst die heute mit modernster Technik entwickelte Rasterfahndung steht im Kreuzfeuer der Diskussionen um datentechnischen Overkill und Unschärfe der Daten.

Ein Blick in die medialen Produkte der Stasi eröffnet eben diese Schere zwischen existenzieller Bedrohung und „leeren“ Informationen besonders augenfällig. Wie umfangreich die Stasi Film und Video in der operativen Arbeit eingesetzt hat, ist nicht mehr rekonstruierbar. Der heutige Bestand des Filmarchivs der Birthler-Behörde (BStU) – rund 900 Eigenproduktionen des MfS neben ca. 1150 Kopien des Westfernsehens – wurde 1990/91 aus den verschiedenen Niederlassungen des Ministeriums zusammengetragen. Ein komplettes Filmarchiv oder -studio war nicht dabei. Neben Lehr- und Propagandafilmen findet man Restbestände von Observationsmaterialien, darunter der Lehrfilm Beobachtungsauftrag des Objektes „Husar“ und der Verbindung „Rolle“, der anhand von realen 16mm-Observationsbildern die Organisation und technische Umsetzung der Beobachtung erläutert. Detailgenau werden Standorte, Brennweiten und Kleidung der Zielpersonen beschrieben – welche Informationen speziell durch die filmische Observation gewonnen wurden, bleibt jedoch offen. Ähnlich unergiebig  erweisen sich die Beobachtungen eines westdeutschen Fahrzeuges, ein Einblick in die Fehlerquellen des Observationsalltags. Während im Funkverkehr das Fahrzeug angekündigt wird, kämpft der Kameramann noch mit einem Fensterkreuz, um im entscheidenden Moment den PKW hinter einem Hindernis zu verpassen. Kennzeichen oder Insassen sind nicht zu erkennen. Der Übergriff auf Personenrechte erschließt sich hier nur über Metaebenen oder in Fällen, in denen die Stasi ihre eigenen Methoden mit abbildet wie in der Vernehmung einer männlichen Person… Hier wird die eigene Aktion – ein Verhör – von einer Observationskamera aufgezeichnet (obwohl ein Tonband mitläuft). Informativ ist das Band vor allem für den heutigen Zuschauer, der die Verlogenheit des jovialen Tons der Vernehmer in der Angst des Delinquenten gespiegelt bekommt. Wer ist wer?, ein Lehrfilm zum Umgang mit den inoffiziellen Mitarbeitern (IM), vermittelt ein Innenbild vom Selbstverständnis des MfS und von seinem Sprachgebrauch. Die IM Eva will zu ihrem Geliebten in den Westen ausreisen und wird damit zum Sicherheitsrisiko für das MfS. In Text und Bild wird die einst willkommene „Mata Hari“ nun moralisch diskreditiert, Found-Footage-Material liefert dafür plumpe und verächtliche Illustrationen. Auch in Illusionen hat das MfS seine Macht über Menschen benutzt, um mit Hilfe mehr oder weniger erzwungener Aussagen von Rückkehrern aus dem Westen Propagandamaterial zur Bekehrung Fluchtwilliger herzustellen. Für das MfS ungewöhnlich ist der Einsatz einer Moderatorin, die einen stark moralisierenden Kommentar im Stil einer Fernsehansage spricht.

Im Gegensatz zu den formal oft eigenwilligen Medienprodukten des MfS sind in Ungarn lediglich klassisch gestaltete Lehrfilme zur Arbeit der Sicherheitsorgane überliefert. Titkos örizetbevétel (Konspirative Zuführung) beschreibt in kleinen inszenierten Szenen, wie man einen potenziellen IM zu einem geheimen Anwerbungsespräch „bittet“. Die ungarischen Lehrfilme folgen häufig einer klassischen Spielfilm-Dramaturgie, aufgepeppt mit spannungssteigernden Elementen des Krimis, und versetzen so den Zuschauer in die Traumwelt des Kinos. Der lernende Mitarbeiter wird zum kleinen James Bond und kann so leichter die Konsequenzen seines Tuns – die Missachtung grundlegender Persönlichkeitsrechte – aus seinem Bewusstsein ausblenden.

Karin Fritzsche

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Für Materialfehler der überlieferten Videos und notwendige Anonymisierungen, die von der BStU zum Schutz von Persönlichkeitsrechten vorgenommen wurden, bitten wir um Verständnis.

Mit Unterstützung der Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR (BStU) und des Collegium Hungaricum Berlin.