Kurze Ängste

Kuratiert von Marcel Schwierin.

Das Eröffnungsprogramm des Festivals zeigt sechs kurze Filme zur Angst, die sich dem Thema von sehr unterschiedlichen Ausgangspunkten nähern: von den inneren, imaginierten Ängsten eines Gedichtes über künstlerische Selbstinszenierungen und einen Spielfilm bis hin zu einem unfreiwillig komischen Klassiker der Fernsehdidaktik.

Afraid So basiert auf einem Gedicht von Jeanne Marie Beaumont, das in 33 Fragen alle möglichen Formen der Angst aufzählt: Von dem harmlosen „Wird es regnen?“ über „Wurde Jemand verletzt?“ und „Bin ich für diese Kosten verantwortlich?“ bis hin zu „Kann es noch schlimmer werden?“. Jeder Frage ordnet Jay Rosenblatt ein „gefundenes“ Bild zu und schafft so in nur drei Minuten einen ganzen Kosmos der Ängste.

Guido van der Werve hat sich in mehreren Arbeiten mit dem Thema Suizid auseinandergesetzt. In Nummer Twee steht er lebensmüde auf der Straße, wird überfahren, und dann beginnt mit einem Balletttanz ein seltsames, sehr ästhetisches Schauspiel. Die kurze und für das Thema sehr lakonische Narration erlaubt es kaum, irgendwelche Rückschlüsse über den Zusammenhang der beiden Ereignisse herzustellen. Sind die engelsgleichen Ballerinas gekommen, um seinen Tod zu begleiten? Oder geht das Leben einfach unbeeindruckt (und herzlos) weiter? So bleibt Nummer Twee ein Rätsel – wie der Tod selbst.

In der Tradition der Performance-Kunst haben sich Künstler seit den 1960er Jahren immer wieder in schwierige, manchmal lebensgefährliche Situationen gebracht. So auch Paul Harrison & John Wood in dem Video 3 legged, in dem sie aneinander gebunden versuchen, den Schüssen einer Tennisballmaschine auszuweichen. So absurd das Setting, so offensichtlich der ironische Kommentar auf das Pathos der Performance-Kunst auch ist: Die Treffer schmerzen trotzdem, und die Angst vor dem nächsten Ball steht den beiden ins Gesicht geschrieben.

Disaster von David Hoffos inszeniert eine apokalyptische Landschaft im Modelleisenbahnformat. So ziemlich alles, was man aus den Medien an Katastrophen kennt, sei es dokumentarisch oder fiktiv, wird hier im Miniformat noch einmal vorgeführt. Der absurde Charakter wird verstärkt durch die Einblendung der Filmcrew, die man mit viel Spaß bei der Arbeit sieht. So verweist das Video auf die mediale Inszenierung von Katastrophen. Die sehr ernste Musik jedoch – seriell geschnittene Fragmente einer Cello-Sonate von Johann Sebastian Bach – führt den Betrachter aus dem Komischen wieder in das Tragische zurück.

Der Spielfilm How They Get There von Spike Jonze wiederum verläuft dramaturgisch eindeutig: Ein schöner Flirt nimmt ein ebenso abruptes wie schreckliches Ende.

Angst ist ein Gefühl, welches meist negativ bewertet wird. Tatsächlich ist sie in vielen Situationen hinderlich, sei es als Prüfungsangst, Schüchternheit oder Mangel an Risikobereitschaft. Angst, so der Tenor, hindere den modernen Menschen daran, sein großartiges Leben zu genießen. Entsprechend zahlreich sind Ratgeber, die auf Angstüberwindung zielen, mit nur wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel der Verkehrserziehung. Hier ist wiederum Konsens, dass der moderne Mensch die Risiken unterschätze, sich in trügerisch-technischer Sicherheit wiege. So mussten sich Generationen von US-Fahranfängern in dem Film Signal 30 grausamste, dokumentarische Unfallbilder anschauen.1 Angst sollte zu Präventionszwecken künstlich erzeugt werden. Ein ähnliches Ziel verfolgte die Verkehrserziehungsserie Der 7. Sinn, die über Jahrzehnte hinweg mit ihrem aggressiven Trailer westdeutsche Wohnzimmer bespielte. In der Folge Begegnung mit Militärfahrzeugen geht es um die besonderen Fahreigenschaften von Kettenfahrzeugen, und es wird nicht ganz überraschend darauf verwiesen, dass ein Zusammenstoß mit einem Panzer für einen PKW unangenehme Folgen nach sich ziehen kann. Höhepunkt ist wie bei allen Folgen der Serie der inszenierte Unfall. Hier wird ein Citroën 2CV – unter dem Namen „Ente“ ein Symbol der Hippiekultur – buchstäblich zermalmt. Weil die Einstellung den Filmemachern offensichtlich so gut gefiel, wurde sie gleich mehrfach wiederholt.

Marcel Schwierin

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1 Signal 30 kann man sich unter www.archive.org/details/Signal301959 online anschauen. Ein anderer Bereich der künstlichen medialen Angsterzeugung sind die Abschreckungskampagnen gegen das Rauchen, wie man sie auf jeder Zigarettenschachtel sehen kann, oder die Kampagnen gegen Aids.