Die lange Nacht der Ängste

Kuratiert von Marcel Schwierin. Die Autorin Christiane Büchner wird zur Vorführung anwesend sein.

Zeitgenössische Gesellschaften unternehmen enorme Anstrengungen, um ihren Mitgliedern Sicherheit zu bieten. Im Baurecht etwa regelt eine Flut von Vorschriften und Gesetzen jedes gefahrbringende Detail, von der Höhe der Geländer bis zum Winkel der Treppen. Geht doch noch etwas schief, was durch eine Vorschrift hätte vermieden werden können, so wird nachgebessert. Ähnliches gilt für das Arbeitsrecht, das Gesundheitssystem, das Sozialsystem, das Rechtssystem: Das Moderne Leben in westlichen Ländern wirkt so durchreguliert, dass manche Menschen sich in Extremsportarten flüchten, um doch noch einmal den Kick der Gefahr zu spüren, der früher alltäglich gewesen sein dürfte. Doch die meisten Menschen ziehen die Simulation der echten Gefahr vor. Besonders das Fernsehen liefert eine unendliche Fülle von Gewalt- und Schreckensbildern. Während der Einfluss der fiktiven Bilder auf die Lebenswahrnehmung der Menschen umstritten ist (etwa in der Debatte um „gewaltverherrlichende“ Medien), besteht kaum Zweifel, dass die dokumentarischen, oft genug auch nur pseudodokumentarischen Bilder das Weltbild und Lebensgefühl der Menschen nachhaltig beeinflussen.1 Die sieben Filme dieses Programms beginnen mit der Reflexion fiktionaler Gewalt und nähern sich dann der dokumentarischen Gewaltdarstellung an, wobei die Unterscheidung zwischen den beiden Formaten im Laufe des Programms immer unschärfer wird.

Contre-jour von Christoph Girardet und Matthias Müller spricht eine Urangst des Menschen an: Blindheit. Found-Footage-Szenen von Augenoperationen, inszenierte Bilder und Flickersequenzen kreieren einen Film, der die Netzhaut direkt anzugreifen scheint – gefährlich ist der Film allerdings nur für Epileptiker.

Die Angst vor dem Verlust des Augenlichtes ist so groß, weil wir uns vor allem mit dem Gesichtssinn orientieren. Aus dem gleichen Grund wird der Schrecken im Horrorfilm wesentlich über die Tonebene erzeugt. Der Mensch kann Töne räumlich nur schwer zuordnen, und das Ohr lässt sich leicht täuschen. So ist Sisäinen lähiö (Vorstadt im Inneren) ein im Wesentlichen abstrakter Film, der seinen Bezug zum Horror über die Tonspur herstellt – und so verstörender wirkt als die meisten aufwändigen Spielfilmproduktionen.

Anke Schäfer verdichtet in Testimony die visuelle Quintessenz des filmischen Tötens, das aus der Schusswunde quellende Blut, zu einem lakonischen, an Action Painting erinnernden Bild.

Der in einer einzigen Einstellung und im Stile einer Überwachungskamera gedrehte Händelse vid bank (Zwischenfall vor einer Bank) von Ruben Östlund rekonstruiert ein reales Verbrechen. Zwei Räuber überfallen in einer belebten Straße eine Bank; zahlreiche Passanten stehen gaffend davor und fragen sich, ob das, was sie da sehen, auch echt sei. Aber ob real oder inszeniert, auf jeden Fall wird die Szene mit dem Handy aufgezeichnet.

Der schleichende Zusammenbruch der Sowjetunion in der Perestroika brachte nicht nur einen deutlichen Anstieg der Kriminalität, sondern auch eine sensationsgierige Berichterstattung darüber hervor. In Serienformaten wie 600 Sekunden wurde täglich live von den Tatorten berichtet, im Idealfall noch mit dem Mörder vor der Kamera. Christiane Büchners Found-Footage-Montage Perestroika TV zeigt eine wahrlich schreckenerregende Gesellschaftsvision, in der Dokumentarisches und Fiktives nicht mehr auseinanderzuhalten ist. Das Internet scheint zensurfrei, tatsächlich werden aber bestimmte Inhalte oft schon nach kürzester Zeit entfernt. Dominic Gagnon sammelt aus dem Internet entfernte Clips und montiert sie neu zusammen. RIP in Pieces America ist eine virtuelle Versammlung von Zeitgenossen, die sich um die Zukunft der Vereinigten Staaten Sorgen machen. Einsam sitzen sie als Talking Heads vor ihren Webcams, manchmal unmaskiert, manchmal seltsam bis unheimlich verkleidet, und verkünden mit großem Nachdruck ihre apokalyptischen Visionen und Verschwörungstheorien.

In november reflektiert Hito Steyerl den Tod einer Freundin, mit der sie als Hauptdarstellerin einen frühen feministischen Martial-Arts-Film gedreht hatte. Andrea Wolf tat den Schritt aus den Medien heraus und begann in der Realität für ihre Überzeugungen zu kämpfen. Sie ging zur PKK und wurde im Grenzgebiet zwischen der Türkei und dem Nordirak in einem Gefecht getötet. In kurdischen Kreisen als „unsterbliche Revolutionärin“ verehrt, ist sie jetzt ganz und gar Bild geworden.

Marcel Schwierin

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1 Vgl. auch das Programm Strukturen der Gewalt