Die innere Angst

Kuratiert von Brent Klinkum. Die Autorin Maya Zack wird zur Vorführung anwesend sein.

Das Land und die Region, in denen das Thema Angst das alltägliche Leben sowohl auf persönlicher als auch auf kollektiver Ebene auf die nachhaltigste Weise durchdringt, sind sicher Israel und der Nahe Osten. Ohne eine politische Haltung einnehmen zu wollen, wurde dieses Programm in der Hoffnung zusammengestellt, illustrieren zu können, wie unterschiedliche, in Israel geborene KünstlerInnen ihre persönlichen und kollektiven Ängste in der Vergangenheit adressiert haben bzw. es noch heute tun. Die endgültige Auswahl zu treffen war kein leichtes Unterfangen, da auch KünstlerInnen und FilmemacherInnen wie Avi Mograbi, Doron Solomons, Dana Levy, Boaz Arad, Nurit Sharet, Lior Shvil oder Guy Ben-Ner – um nur ein paar wenige zu nennen – hier ebenso gut hätten vertreten sein können.

Abgesehen von der Tatsache, dass die ausgewählten Arbeiten einen klaren Bezug zum thematischen Kontext des diesjährigen Werkleitz Festivals aufweisen, unterstreichen diese Videos und Filme auch die unverkennbare Qualität der zeitgenössischen israelischen künstlerischen Praxis. Ein Mini-Panorama, in dem – völlig unbeabsichtigt – alle Arbeiten von Frauen sind; Frauen an unterschiedlichen Punkten ihrer Karriere, mit radikal verschiedenen künstlerischen Perspektiven und Methoden, diese visuell umzusetzen. Maya Zacks Hintergrund als Grafikerin, Theaterdesignerin und Installationskünstlerin ist in ihrem Film Mother Economy, der in vielen Museen, Galerien und auf Festivals weltweit gezeigt worden ist, auf wunderbare Weise evident. Nira Pereg, die Gewinnerin des Gottesdiener Prize for Israeli Art von 2010, nähert sich realen Ereignissen in dokumentarischer Weise an, schreibt aber mit dem Blick einer Psychologin visuelle und akustische Poesie. Sigalit Landau, die Israel bei der nächsten Venedig Biennale 2011 vertreten wird, hat mehrere Arbeiten produziert, in denen sie die Landschaft ihrer Heimat auf performative Weise untersucht. Der Kern dieser Arbeiten liegt in einer zentrifugalen Bewegung, egal ob sie in einer Spirale aus grünen Wassermelonen im Toten Meer treibt (Dead Sea, 2005) oder in Day Done (2007) einen schwarzen Kreis malt und auslöscht oder nackt mit einem Stacheldrahtring Hula Hoop „spielt“. Karen Russo hat im Laufe der letzten zehn Jahre ein faszinierendes Werk geschaffen, das von drolligen Possen bis zur mysteriösen und (ganz buchstäblich) untergründigen Unterstützung sozialer Außenseiter reicht. Wie J.J. Charlesworth in Flash Art schreibt, „zeugt Russos Arbeit, obgleich sie sich einer vereinfachenden Auseinandersetzung mit Politik verweigert, dennoch von Spannungen in der heutigen Realität, die von paranoiden Verweigerungen und tiefsten und verstörendsten Ängsten gekennzeichnet ist.“ Yael Bartana, die mit ihrer Installation Summer Camp auf der documenta XII 2007 viel Lob erntete, hatte in diesem Jahr Ausstellungen im Hau 1 in Berlin und dem Moderna Museet in Malmö. Mary Koszmary ist der erste Teil einer bisher noch unvollendeten Trilogie – der zweite ist die Arbeit Wall and Tower (2009) – mit der Yael Bartana auf ihre Erkundung der Mythen und Rituale, die Israel zusammenhalten, eine Untersuchung der europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und der Heimatländer der aschkenasischen Juden folgen lässt.

Ohne die zwei – aus mehreren hundert Clips des bemerkenswerten Camera Distribution Project ausgewählten – Beispiele wäre dieses Programm sowohl intellektuell als auch visuell unvollständig geblieben. Bei dem Projekt, das von B’Tselem, dem Israelischen Informationszentrum für Menschenrechte in den Besetzten Gebieten, initiiert wurde, wurden über hundert Videokameras an palästinensische Familien verteilt, die in den vom Konflikt betroffenen Gebieten wohnen. Dieser Kreis angelernter Individuen, von denen der Großteil Jugendliche sind, filmt in einer Doppelfunktion als Zeugen und Opfer alltägliche, nicht besonders außergewöhnliche Vorfälle in Echtzeit. Das so entstandene Filmmaterial hat sich als eine sehr wirksame Strategie erwiesen, das Vorgehens der israelischen Regierung und des Militärs zu dokumentieren, die in den besetzten Gebieten nach wie vor fundamentale Menschenrechte verletzen.

Mehr Informationen zum Projekt gibt es auf der Website www.btselem.org; hier können auch Geldspenden überwiesen werden.

Brent Klinkum