Vorsicht vor dem Horizont

Kuratiert von Brent Klinkum.

Meine Auswahl der drei Arbeiten für dieses Programm hat etwas mit einer persönlichen und sehr körperlichen Erinnerung zu tun – an ein Erlebnis vor circa 30 Jahren. Ich war an einem späten Nachmittag aus einem Flugzeug gestiegen und die Nacht hindurch per Anhalter weitergereist, bis man mich schließlich um fünf Uhr morgens in einem winzigen Örtchen namens Darlington Point (das aus genau einer Garage und einem Haus bestand) in New South Wales (Australien) absetzte. Dann tat ich, was ich immer tat, und begann ruhig in Richtung meines – mehr als 900 km entfernten – Ziels, Adelaide, loszumarschieren. Ich hatte weder zu essen noch zu trinken dabei, und während die Temperatur rasch auf über 40 Grad kletterte und ein Schwarm Fliegen gierig um jede meiner Körperöffnungen schwirrte, begann die Halbwüstenebene um mich herum zu einer Fata Morgana zu verschwimmen. Elf Stunden später hielt schließlich das achte Fahrzeug (in beide Richtungen) an. Seltsamerweise, so scheint es zumindest im Rückblick, waren es nicht die physischen Bedingungen, die sich als problematisch herausstellten, sondern das vollständige Fehlen eines Horizonts. Als jemand, der in einem Land mit einer immer und überall präsenten Bergkulisse aufgewachsen ist, beschlich mich mit der Zeit ein nagendes Gefühl der Angst, das langsam begann mir die Sinne zu vernebeln, bis ich schließlich gänzlich meinen visuellen Richtungssinn verlor und mich eine bis dahin nie gekannte, lähmende Orientierungslosigkeit überfiel. Es war ein Gefühl, das keinerlei Bezug mehr zu einer normalen Wahrnehmung oder physischen Realität hatte oder auch nur rational greifbar war. Die Erinnerung an diese Angst führte mich später zu Simon Schamas bemerkenswerter sozialer, geographischer, künstlerischer und historischer Studie Der Traum von der Wildnis, in der er ausführlich die Ursprünge der Angst in die vormittelalterliche Ära zurückverfolgt, als die Wälder Deutschlands und Polens der dortigen Bevölkerung und Tierwelt über viele Jahrhunderte Schutz vor Banditen und Plünderern boten.

Obwohl sie sich nicht explizit mit Wäldern oder dem Horizont beschäftigen, begeben sich diese Arbeiten unter die Oberfläche dieser Phänomene, um uns zu verwirren und jene physische Materialität zu hinterfragen, die im alltäglichen Leben für uns nie ganz greifbar ist.

Die junge chilenische Künstlerin Carolina Saquel, die Chile verließ, um ihr Studium am Le Fresnoy Studio national des arts contemporains in Frankreich fortzusetzen, stellt in ihrer neuen Arbeit genaue Beobachtungen der Natur an und lässt, indem sie mit bildlichen Strukturen, Tonalität und Rhythmus arbeitet, aus Materie Narration entstehen.

Der in Oslo lebende englische Künstler Greg Pope war, bevor er begann sich für Filme und Filminstallationen zu interessieren, auf den Gebieten Punkrock und Performance aktiv. Das im Programm gezeigte Video ist eine von mehreren Arbeiten, die er in Norwegen produziert hat und die sich ebenso sehr mit der Landschaft wie mit dem Filmprozess selbst auseinandersetzen.

Seitdem Consolation Service 1999 auf der Venedig Biennale ausgezeichnet wurde und die Installationsversion von Love is a Treasure 2002 bei der documenta11 zu sehen war, ist Eija-Liisa Ahtila zweifelsohne der Star der zeitgenössischen finnischen Kunstszene. Die Geschichten, die Ahtila mit ihren Filmen, Videos und Fotos erzählt, basieren auf ihren Recherchen, auf realen und fiktiven Ereignissen, den eigenen Erfahrungen und Erinnerungen der Künstlerin oder denen von Bekannten oder gar komplett Fremden. In diesem Kontext sind nicht die Inhalte der fünf Geschichten an sich das wesentliche Element, sondern die Beziehung zwischen dem mittelalterlichen Sozialsystem und den feudalen und religiösen Institutionen auf der einen und den Wäldern, den „foris“, auf der anderen Seite. Sie waren das „Außen“, wo die Ausgestoßenen, die Eremiten, die Heiligen, die Sonderlinge, die Räuber und Leprakranken, die Verfolgten und die wilden Männer lebten. Außerhalb des Gesetzes und der menschlichen Gesellschaft war man im Wald.

Brent Klinkum