Während des Festivals wird am 17.10.2010 eine weitere Exkursion stattfinden.

Angst vor Ort

Exkursion nach Bitterfeld-Wolfen

16. April 2010

Im Rahmen des wissenschaftlichen Panels Angst im Gespräch organisierte Werkleitz am 16. April 2010 die Exkursion Angst vor Ort. Ziel der mehrstündigen Erkundungstour war die Region Bitterfeld-Wolfen, die infolge von Medienberichten besonders häufig mit Umwelt- und Zukunftsängsten assoziiert wird. Die Teilnehmer hatten die Möglichkeit, sich durch Gespräche mit lokalen Akteuren selbst einen Eindruck von der aktuellen Lage vor Ort zu machen.

„Nach dem ökologischen kam das soziale Desaster.“ So heißt es 1991 in einer Überarbeitung des Dokumentarfilms „Bitteres aus Bitterfeld“. Auf der ersten Station der Exkursion im Industrie- und Filmmuseum der ehemaligen Filmfabrik Wolfen wurde die Originalfassung des Films von Rainer Hällfritzsch, Ulrike Hemberger und Margit Miosga aus dem Jahr 1988 präsentiert. Als Gesprächspartner mit dabei: der Umweltaktivist Hans Zimmermann, der sich bereits in der DDR für die Aufklärung des Bitterfelder Umweltskandals einsetzte. Als einer der Initiatoren des Films berichtete er von seinen Beweggründen und schilderte seine Eindrücke von der Entwicklung nach 1989/90.Die Filmreportage zeigt damals verbotene Aufnahmen der katastrophalen Umweltschäden im Raum Bitterfeld. In der DDR unterlagen Umweltdaten seit 1982 der strengen Geheimhaltung, Aufdeckungsversuche wurden kriminalisiert.Die anschließende Fahrt durch den Chemiepark führte zur Pilotanlage SAFIRA in Bitterfeld. Die begehbare Anlage ist mit Pilot-Reaktorsystemen zum Testen von Verfahren zur Grundwassersanierung ausgestattet. Prof. Weiß vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erläuterte dort auf anschauliche Weise die Möglichkeiten der Grundwasseraufbereitung.Das Grundwasser des Gebietes Bitterfeld-Wolfen ist in unbekannter Konzentration und Ausdehnung kontaminiert. Wasserbauten für die Industrie und Pumpanlagen zur Trockenlegung der abzubauenden Braunkohleflöze haben über Jahrzehnte natürliche Wasserwege der Mulde und Grundwasserverläufe in hohem Maße verändert. Durch die Stilllegung der Pumpen und durch das Fluten der Tagebaurestlöcher ändern sich auch die Grundwasserbewegungen. Was passiert, wenn kontaminiertes Wasser in Bewegung gerät, kann sich niemand vorstellen. Um etwaige Gefahren einzuschränken, bedarf es der Untersuchung von Möglichkeiten zur Senkung des Schadstoffgehalts. Ein aufwändiges Unterfangen.Beim abschließenden Besuch des Bitterfelder Bogens wird der Ausblick auf den Goitzschesee, ein geflutetes Tagebaurestloch, zum Blick in die Zukunft.Der Goitzschesee gehört mit einer Fläche von über 13 Quadratkilometern zu den größten künstlichen Seen Mitteldeutschlands. Im Juni 2005 wurde der See für Wassersport und touristische Nutzung freigegeben. Bitterfeld-Wolfen liegt nunmehr am See. Der Aussichtspunkt Bitterfelder Bogen symbolisiert als Landmarke die Transformation des Gebietes zu einem Forschungszentrum inmitten einer neu geschaffenen Natur- und Freizeitlandschaft. Lutz Bernhardt, Geschäftsführer der Bitterfelder Qualifizierungs- und Projektierungsgesellschaft (BQP), stellte neue Entwicklungsstrategien für die Region vor. Die BQP wurde 1991 als Gesellschaft für Arbeitsförderung, Beschäftigung und Strukturentwicklung regional wirksam, sie ist zugleich Bestandteil und Förderer des Transformationsprozesses. Gemeinsam wurde diskutiert, welchen Beitrag die Arbeitsbeschaffungs- und Strukturanpassungsmaßnahmen vermeintlich oder tatsächlich leisten können, inwiefern Arbeitsplatzsicherung und Umweltsanierung in Einklang zu bringen sind.