Trash Circulated

Folke Köbberling/Martin Kaltwasser

Schon lange widmen sich Folke Köbberling & Martin Kaltwasser dem Thema des Recycelns, das in Zukunft einen immer höheren Stellenwert einnehmen muss.

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Koebberling&Kaltwasser: "Wir wollten ursprünglich während des Werkleitz Festivals verschiedene Arrangements aus 1m x 1m x 1m großen Müllballen im Stadtzentrum Halles plazieren (siehe Text Matthias Reichelt). Kurz vor der Ausstellung bekamen wir von der ortsansässigen Müllfirma Tönsmeier die Nachricht, dass diese aufgrund des Internettextes des Festivals „Angst hat grosse Augen“ die versprochenen 20 Tonnen Müll nun doch nicht zur Verfügung stellen konnten. Sie wollten mit „Angst“ nicht in Verbindung gebracht werden. Danach wurden nochmal alle Müllfirmen in einem Umkreis von 300 km kontaktiert. 90% der Firmen waren vernetzt mit der Firma Tönsmeier. Die restlichen 10% wollten uns den Müll nur für eine exorbitante Summe leihen. Bei unserer weiteren Recherche stießen wir auf immer mehr Müllskandale in den Bundesländern Sachsen Anhalt und Sachsen.

http://www.mdr.de/nachrichten/7438558.html

http://www.taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/gruene-zeigen-umweltbehoerden-an/

http://www.l-iz.de/Dossiers/M%C3%BCllskandal


Da wir jetzt den Müll kurzfristig nicht mehr bekamen, entwickelten wir Postkarten und Poster, die auf den Inhalt des vermeintlich „sauberen“ Mülls aufmerksam machen und die Verbindungen zwischen Kommune und Müllskandalen aufzeigen.

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Der Kapitalismus bietet für alles Lösungen. Die Profitrate ist die Antriebsfeder. Für dreckige Geschäfte wie die Müllentsorgung scheinen die Gewinne besonders attraktiv zu sein. Vor allem, wenn der Unterschied zwischen einer legalen und einer illegalen Entsorgung (d.h. noch umweltschädlicheren, weil einfachen Verklappung im Meer und ähnlichen Verfahren1) dem Müllverursacher Geld spart und dem Anbieter für die illegale Entsorgung einen hohen Profit garantiert. Das sind die kriminellen Skandale einer Branche, die auch mafiöse Strukturen kennt. Wie sollte es anders sein. Der Müll, ob Giftmüll oder Hausmüll, wird zu Deponien im Ausland verschickt, wo arme Staaten und ignorante und staatskriminelle Verwaltungen zur Sicherung der eigenen Ökonomie günstige Müllentsorgung anbieten. Auch in der Bundesrepublik sind Firmen auf diesem Terrain aktiv. Um lukrativ zu sein, müssen entsprechende Mengen verarbeitet werden, die wiederum aus dem Ausland eingeworben werden. Das gleiche Prozedere spielt sich bei der Entsorgung des Atommülls ab, der für die unmittelbar Beteiligten lukrativ sein mag, für die mit den Endlagern konfrontierte Bevölkerung jedoch mit ungeahnten gesundheitlichen Risiken und für das jeweilige Land mit enormen Folgekosten in der Zukunft verbunden ist. Bazon Brock spricht zu Recht von „Kathedralen des Mülls, deren unabsehbarer Zeithorizont jenen bei Weitem überschreitet, den man in den historischen Gotteshäusern anvisierte. Was sind schon 1000-jährige Pyramiden und Kathedralen im Vergleich zu Endlagerungsdomen, deren Kultobjekte eine Halbwertzeit oberhalb von 10.000 Jahren haben?“2
Folke Köbberling & Martin Kaltwasser haben sich zum Thema Müllentsorgung eine eindrucksvolle Intervention einfallen lassen und konfrontieren die Bevölkerung in Halle überfallartig mit Müll im Stadtraum. Das der Öffentlichkeit verborgen bleibende Prozedere der Müllkonfektionierung und des Transportes, ob auf heimische Deponien oder ins Ausland, macht das Künstlerduo sichtbar und treibt es in einem für das Werkleitz-Projekt entwickelten Prozess auf die Spitze. Köbberling & Kaltwasser werden aus dem Müll des Landes bis zu 30 ca. einen Kubikmeter große Kuben mit einem jeweiligen Gewicht von 400–750 kg professionell pressen und mit Metallbändern binden lassen. Mal werden diese Kuben zu Müllskulpturen formiert, mal als Solitäre platziert, um am nächsten Tag wieder abgebaut zu werden und woanders in neuer Formation zu erscheinen. Der Müll wird aus verschiedenen Abfallsorten wie Kunststoffe, Pappe und dergleichen mehr bestehen.

(Text: Matthias Reichelt)