Radiation Burn: A Temporary Monument to Public Safety

Critical Art Ensemble

In einer Bombenexplosions-Demonstration thematisieren CAE die Angst vor der sogenannten 'Dirty-Bomb'  und wie diese im Zusammenhang mit globalem Terrorismus als reale Bedrohung beschrieben


I. Panikmache
Nicht ob, sondern wann! Dieses Mantra beherrscht die – von gewieften Sprachpanschern „Sicherheitsdiskurs“ getaufte – Panikmache. Es gehe nicht mehr darum, ob, sondern wann es zu einem terroristischen Anschlag mit Nuklear-Material komme, lautet sowohl in den USA also auch in Deutschland ihre Parole. Die Bauanleitung sei für jeden zugänglich im Internet! Das nötige radioaktive Cäsium, Uranoxid, Iridium, Plutonium, Cobalt oder Strontium könne in der Russischen Föderation beschafft werden! Überall lauerten schlafende Krieger Allahs, bereit, mit Hilfe einer konventionellen Sprengstoffexplosion und radioaktiven Materials die Atomseuche samt Furcht und Schrecken in Menschenansammlungen zu verbreiten! Ein Terroranschlag mit einer radiologischen Waffe, einer Unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtung (USBV oder USBV-A für „atomar“) oder salopp einer „Schmutzigen Bombe“: Keine Frage des Ob, sondern des Wann?

Sind „Schmutzige Bomben“ etwas, wovor man Angst haben muss? Die Medien machen Panik, die Wissenschaft sagt: Nein. Nein, sagt auch das Bundesamt für Strahlenschutz: „‚Schmutzige Bomben’ würden demnach selbst in unmittelbarer Nähe zum Freisetzungsort aus radiologischer Sicht keine Gesundheitsgefährdung für große Teile der Bevölkerung hervorrufen.“ Der Chaos Computer Club konnte 2005 keine verlässlichen Informationen zum Bau eines Zünders für eine solche Bombe im Netz finden. Bis heute bleibt die „Schmutzige Bombe“ nur schmutzige Fantasie schmutziger Politik. Noch ist sie weder gezündet noch gebaut oder auch nur gesehen worden.

Es ist eine Binsenwahrheit, dass sich mit Angst Politik und Profit machen lässt. Eine perverse Logik autoritärer Herrschaft nutzt mythische Waffen, um das Begehren nach einem starken Staat zu stärken, dem wir unsere Freiheiten opfern, indem wir geradewegs auf ein neues Zeitalter selbstverschuldeter Unmündigkeit zusteuern.


II. Nutze Deinen Verstand
Das Critical Art Ensemble (CAE), eine Fünfergruppe taktischer Medienaktivisten, spezialisiert auf den Umgang mit Neuen Medien, Theorie und Performancekunst, hat seit den 1990er Jahren ein Auge auf Wissenschaft im Dienst von Kapital und Militär. Parallel zu den öffentlichen Interventionen entstehen Flugschriften und Bücher, die beispielsweise Fragestellungen nach zivilem Ungehorsam in elektronischen Netzwerken (Electronic Civil Disobedience, 1996), nach alltäglichem Umgang mit Genmanipulation (Molecular Invasion, 2002) oder dem Einsatz von Mikroorganismen im Waffenarsenal der Militärs (Marching Plague, 2006) untersuchen. 2005 stellte CAE einen Test der britischen Marine im Umkreis der Isle of Lewis von 1952 nach, um zum gleichen Ergebnis wie damals zu kommen: Nämlich, dass mit Pestbakterien kein Schiffsnahkampf auszufechten ist. Zu unkoordiniert verbreiten sich die Organismen im Wind. 2007 setzten CAE in der Wiederaufführung (Target Deception) eines US-amerikanischen Langstrecken-Militärversuchs den harmlosen „Bacillus subtilis“ vom Leipziger Rathausturm, das US-Konsulat ins Visier nehmend, frei. „Die Performance verlief sehr gut: künstlerisch und politisch ein Erfolg, wissenschaftlich ein Desaster“, schloss Steve Kurtz als Mitglied des CAE damals. Diese Aktion wirkte diesseits des Atlantik wie homöopathische Tropfen gegen grassierende Ängste.

In ihrem dritten europäischen Feldversuch testet CAE 2010 die Wirkung einer „Schmutzigen Bombe“ in der Simulation eines mythischen Szenarios der „Federation of American Scientists“. Statt radioaktiven Materials wird eine stangenförmige Stahlbewehrung mit Dynamit kontrolliert zersprengt; keine große Detonation, sondern ein kleiner Aktenkoffer mit Sprengwert. Nach der Zündung werden mittels Metalldetektoren die versprengten Stahlpartikel ausfindig gemacht, um die Kontaminierungsgefahren für das unmittelbare Umfeld der Explosion realistisch abzuschätzen. In einem zweiten Akt markiert CAE einen kritischen Raum für die Öffentlichkeit mit Hilfe eines kreisförmigen Erdwalls, der die Leichtigkeit demonstriert, mit der sich „Mensch“ selbst in Sicherheit bringen könnte. Statt Terror und Tod können an diesem Temporären Monument der Inneren Sicherheit Teilnehmer und Passanten Gelassenheit beweisen. Ein Expertenforum zu Wahrscheinlichkeit von „Schmutzigen Bomben“ und rhetorischem Missbrauch mythischer Waffen, um propagandistisch Ängste zu wecken, befördert vor Ort eine kritische Auseinandersetzung über die öffentlichen Budgets für Militär- und Sicherheitsindustrie.

CAE beschreibt die Vorzüge seiner Amateurtaktiken wie folgt: „Ein Amateur kann einer Institution kritisch gegenüberstehen, ohne Beschuldigungen, Statusverlust und Mittelkürzungen befürchten zu müssen. Also muss jemand von außen kommen – ein kreativer Bastler – um am Käfig der innigst gehegten Praktik der Disziplin zu rütteln.“ Also, wo Dirty Harry Vorbild für die Politik geworden ist und der journalistische Auftrag mit der Erhöhung der Quote einhergeht, kurzum, wo die Logik der Institutionen ihre Akteure korrumpiert, bleibt vielleicht nur der Laie, der Dilettant und Amateur, um uns zu lehren, den Verstand zu gebrauchen: Das kritische Theater, das Erleben der Szenen mythischer Angstszenarien als Therapie gegen Kollektivängste.

(Text: Michael Arzt)